Liebe Leserinnen und Leser,

Linguistik ist die wissenschaftliche Untersuchung der Sprache als menschliche Aktivität. Sie hat sowohl mit der Struktur der Sprache als auch mit den Möglichkeiten zu tun, mit denen sie in verschiedenen Umgebungen ihren Zweck erfüllt. Es gibt viele Bereiche in der Linguistik, und ein immer bedeutenderer Bereich der angewandten Wissenschaft ist forensische Linguistik. Forensische Linguisten werden am häufigsten herangezogen, um zu helfen, eine oder beide der folgenden Fragen zu antworten: Was „sagt„ ein bestimmter Text? Und wer ist sein Autor? Bei der Antwort auf diese Fragen stützen sich Linguisten auf Kenntnisse und Techniken aus einem oder mehreren Teilgebieten der beschreibenden Linguistik: Phonetik und Phonologie, Syntax, Semantik, Pragmatik, Rhetorik und Textanalyse.
Weil jede Person einen einzigartigen Stil der Handschrift hat, konzentriert sich forensische Linguistik eher auf die Art, wie eine Person ein Wort oder einen Ausdruck verwendet, als auf die einzigartigen Eigenschaften ihrer Handschrift. Die Bestimmung, ob ein Schreiben eine Imitation ist, kann so einfach sein, wie zu verstehen, dass ein Grundschulstudent keine anspruchsvollen Wörter verwendet oder so komplex wie die Determination, dass ein bestimmtes Wort oder ein Ausdruck in einem Dialekt spezifisch ist.
Die Dialektforschung ist der Teil der forensischen Linguistik, den wir am häufigsten im Kunstbeglaubigungsbereich verwenden. Die Dialektforschung, ein Teilgebiet der Soziolinguistik, ist die wissenschaftliche Untersuchung von Sprachdialekten. Sie ist bedacht auf Schwankungen in der Sprache und damit verbundene Merkmale und stützt sich hauptsächlich auf die geografische Verbreitung. Dialektforschung behandelt solche Themen wie synchronische Schwankung und die Abschweifung von zwei lokalen Dialekten aus einem gemeinsamen Ursprung. Dialektforscher beschäftigen sich im Grunde mit grammatischen, lexikalischen und phonologischen Merkmalen, die mit Regionalgebieten übereinstimmen.
Mörder, Erpresser, Stalker - wenn sie anonyme Nachrichten hinterlassen, steht die Polizei oft vor einem Rätsel. Gudrun Müller kann helfen. Die forensische Linguistin aus Neuss untersucht Texte bis ins kleinste Detail – und überführt damit die Täter.
Von einem jungen Mädchen fehlt plötzlich jede Spur. Der Verdacht fällt auf ihren Sporttrainer. Doch der Familienvater weist jede Schuld von sich. Dann bekommen Eltern vermeintlich WhatsApp-Nachrichten von ihrer Tochter. „Er hat zwar versucht, im Stil des Mädchens zu schreiben, aber er hat übertrieben – andere Icons, zu viele Buchstaben aneinandergereiht„, erklärt Gudrun Müller. Ein Vergleich mit den alten Texten des Mädchens habe ganz deutlich gezeigt, dass ein neuer Verfasser dahintersteckt. Der Sporttrainer war überführt und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Obwohl die Leiche nie gefunden wurde.
Erpressung ist eine Straftat, die sich meist in einer ersten Phase rein sprachlich manifestiert und so liegt es nahe, die Sprachwissenschaft zur Klärung eines derartigen Falles heranzuziehen. Ist es möglich, für eine Ermittlung relevante Aussagen über den Verfasser zu machen, den Verfasser zu kategorisieren? Ist er ein notorischer Schreiber, ein alter Bekannter, oder handelt es sich um einen ersten unbeholfenen Versuch? Diese und andere Fragen werden an Linguisten und Linguistinnen im BKA herangetragen, die sich in eine sehr ungewöhnliche Rolle einfinden und ihre Methodik auf sehr spezifische Fragestellungen zuschneiden müssen.
Die Variationsbreite der Texte ist groß, sie reicht von sehr groben, auf visuellen Eindruck ausgerichteten Schmierereien bis hin zum professionell gestalteten Geschäftsbrief. Die Entstehungsbedingungen sind unbekannt, sie sind jedoch sicherlich ungewöhnlich: Ein hoher Stressfaktor, Alkohol- oder Drogenmissbrauch und die mögliche Beteiligung von mehr als einer Person sind Faktoren, die bei einer Analyse stets berücksichtigt werden müssen.
Weitere Einzelheiten, wie Sprachprofiler anonyme Täter überführen, erläutern Leo Martin und Patrick Rottler in ihrem Beitrag auf Seite 7.

Die deutsche Polizei hat heute deutlich weniger gefährliche Islamisten auf dem Schirm als noch vor einigen Jahren. Das sieht auf den ersten Blick aus wie eine gute Nachricht. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass zwar die Zahl der polizeibekannten «Gefährder» sinkt. Die Gefahr, die hierzulande von islamistischen Extremisten ausgeht, nimmt aber nicht ab. Der Verfassungsschutz rechnete im vergangenen Jahr 28 715 Menschen zum «islamistischen Personenpotenzial» - ein Anstieg um 2,5 Prozent im Vergleich zu 2019.
Als Gefährder bezeichnet man im Bereich der politisch motivierten Kriminalität Menschen, denen die Polizei schwere Gewalttaten bis hin zu Terroranschlägen zutraut. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Frage des FDP-Innenpolitikers Benjamin Strasser hervorgeht, waren im Juli 2021 bundesweit 564 Menschen im Bereich «religiöse Ideologie» als Gefährder eingestuft. Im Juli 2018 hatte die Polizei noch 774 potenziell gefährliche Islamisten im Visier. Mögliche islamistische Anschlags-szenarien und Wirkmittel in Deutschland und Europa stellt Prof. Dr. Stefan Goertz, Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei, auf Seite 19 vor.
Berlins Partykieze in Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain locken feiernde Menschen und Touristen, aber auch Dealer, Taschendiebe und andere Kleinkriminelle. In den Straßen mit den vielen Schwulen-Bars in Schöneberg kommt noch ein weiteres Problem dazu. Berlins Schwulen- und Partykiez am Nollendorfplatz in Schöneberg ist berühmt für seine Kneipendichte und langen Nächte - und hat zugleich ein Kriminalitätsproblem. Immer wieder kommt es abends und nachts zu Diebstählen und Überfällen sowie homosexuellenfeindlichen Übergriffen. Nur ein kleinerer Teil dieser Taten im sogenannten Regenbogenkiez lande bei der Polizei. Mit welchem Projekt die Berliner Polizei diesem Kriminalitätsphänomen entgegenwirken will, stellt Andreas Rabenstein auf Seite 31 vor.

Ein adipöser Igel im Abwasserrohr, eine Kuh auf einem Baugerüst, eine abgesperrte Autobahn für eine Entenfamilie - immer wieder rücken Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr für Tierrettungsaktionen an. Über was sich die Tierretter in Uniform am meisten freuen, stellen Thomas Strünkelnberg und Carolin Gißibl auf Seite 34 dar.

Polizei-Hunde suchen Drogen, Brandbeschleuniger oder Menschen. Bei der Thüringer Polizei gibt es jetzt auch einen vierbeinigen Helfer, der auf Elektronik spezialisiert ist, wie Sebastian Haak auf Seite 35 vorstellt. Die Polizei im Bundesland Nordrhein-Westfalen hat 2019 mit einem Projekt begonnen und einen Teil ihrer Spürhunde umgeschult und zu Datenschnüfflern ausgebildet. Die Tiere, die CD, Festplatten, Speicherkarten, USB-Sticks, Smartphones und winzige SIM-Karten finden sollen, waren zuvor als Rauschgiftspürhunde im Einsatz. Die Zusatzausbildung der Polizeihunde ist eine Konsequenz aus dem «Fall Lügde», wie das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen mitteilte. Hier habe ein Datenspeicherspürhund angefordert werden müssen und gute Dienste geleistet.

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Behördenmagazin 2-2021 [5.456 KB]