Liebe Leserinnen und Leser,

bei einer aktuell in der Bundesrepublik Deutschland bestehenden Obduktionsrate von unter 5 % schätzen Experten das Verhältnis von entdeckten zu unentdeckten Tötungsdelikten auf 1:2 bis 1:6. Als Hauptursache gilt seit Jahrzehnten die häufig fehlerhafte Durchführung der primären ärztlichen Leichenschau.
Wenn ein Mensch stirbt, wird er grundsätzlich ein letztes Mal von einem Arzt untersucht. Es geht um die Frage, warum jemand zu Tode kam: War es Altersschwäche oder eine Krankheit? Ein Unfall oder sogar ein Verbrechen?
Rechtsmediziner wie Klaus Püschel vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg beklagen seit Jahren, dass Ärzte bei der Leichenschau oft nicht sorgfältig genug sind. Immer wieder würden sie Suizide, Unfälle und sogar Morde übersehen. „Auf ein entdecktes Tötungsdelikt kommt in unserem Land ungefähr ein nicht entdecktes Tötungsdelikt. Das weitere, was man dann dazu sagen muss, ist natürlich: Es gibt offensichtlich wenige in unserem Lande, die das stört. Ein Arzt muss in alle Körperöffnungen schauen und Augenbindehäute, den Bereich hinter den Ohren und alle verborgenen Körperregionen untersuchen. Alles andere, das ohne Entkleidung, ohne sorgfältige Untersuchung gemacht wird, ist hoffen, glauben, meinen.„
Doch Studien zeigen: 25 Prozent der Ärzte entkleiden die Leichen bei der Untersuchung nicht. Zudem verwechseln viele Todesursache – also zum Beispiel Herzinfarkt oder Schlaganfall – und Todesart, also natürlicher oder unnatürlicher Tod. Der Grund: Die Leichenschau ist für viele Ärzte keine Routineuntersuchung. Jeder Arzt, egal ob Hausarzt oder Gynäkologe, muss die Leichenschau prinzipiell durchführen können – ganz unabhängig davon, wie viel Erfahrung er darin hat. Im Studium lernen die angehenden Ärzte das zwar, doch danach gibt es für sie wenig Anreize, sich in diesem Bereich fortzubilden. Auch weil die Umstände der Untersuchung oft emotional sehr belastend seien, erklärt Klaus Weckbecker vom Hausärztlichen Institut in Bonn: „Ich muss mich ja zunächst auch um die Angehörigen kümmern, die sind ja oft sehr aufgebracht und sehr aufgelöst. Da denke ich, habe ich eine ärztliche Pflicht, mich auch um die zu kümmern. Um dann in Ruhe und möglichst eben allein eine Leichenschau durchzuführen, die auch die Würde der Situation irgendwie noch wahrt.„
Viele Hausärzte kennen Verstorbene und Angehörige seit Jahren und wollen ihnen unnötige Strapazen ersparen. Doch ist die Todesursache unklar oder unnatürlich, müssen sie die Polizei rufen, damit diese die Todesursache ermittelt. Auch das erleben viele Ärzte als unangenehm. Denn es steht sofort ein Verdacht im Raum: Haben die Angehörigen etwas mit dem Tod zu tun? Oder hat der behandelnde Arzt Fehler gemacht? Muss der Tote möglicherweise sogar obduziert werden, um herauszufinden, woran er gestorben ist? Rechtsmediziner Klaus Püschel zufolge lösen sich viele Ärzte aus diesem Dilemma, indem sie nicht einen unklaren, sondern einen natürlichen Tod bescheinigen.
Mögliche Unklarheiten kommen meist nur dann ans Tageslicht, wenn der Tote eingeäschert wird. Im Krematorium muss ein Amtsarzt jede Leiche ein zweites Mal untersuchen, denn mit der Einäscherung verbrennen auch alle Hinweise und Spuren, die auf einen unentdeckten nichtnatürlichen Tod hinweisen könnten. Bei einer Erdbestattung fehlt diese zweite Kontrolle. Problematisch ist das vor allem dann, wenn nach der Beisetzung Fragen oder Unstimmigkeiten auftauchen, die auf eine Straftat hinweisen. Wie zum Beispiel bei Ermittlungen von Tötungsserien.
In den letzten Jahren sorgte in dem Zusammenhang der Fall des Pflegers Niels H. aus Delmenhorst für großes Aufsehen. 106 Menschen soll er umgebracht haben. Über Jahre spritzte er Patienten eine Überdosis Medikamente, die Herzstillstand oder einen Kreislaufkollaps zur Folge hatten. Der Pfleger wollte die Kranken wiederbeleben, um sich als Held und Retter feiern zu lassen – doch stattdessen tötete er sie.
Dass diese Morde lange unentdeckt blieben, hat viele Gründe. Laut Rechtsmedizinern war einer davon: Die Leichenschau wurde bei den toten Patienten nicht sorgfältig durchgeführt. 167 Leichen mussten exhumiert werden, um das Ausmaß der Straftaten von Niels H. festzustellen.
Braucht Deutschland auch unabhängige Leichenbeschauer wie den Coroner, wie es ihn in England gibt? Oder reicht das kürzlich in Bremen eingeführte System des qualifizierten Leichenbeschauers aus?
Vor einer Bestattung bedarf es jedoch zwingend einer verlässlichen ärztlichen Feststellung, dass der Tod tatsächlich eingetreten ist. Eingedenk des Umstandes, dass sich Menschen seit alters her davor fürchteten, lebendigen Leibes begraben zu werden, verlangen die geltenden Vorschriften eine sorgfältige äußere »Leichenschau« an der vollständig entkleideten Leiche unter Einbeziehung »aller Körperregionen«. Wie diese im Einzelnen zu erfolgen hat, dazu finden sich in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin detaillierte Vorgaben, die allesamt unter der zentralen Devise stehen, dass dabei »dieselben [hohen] Sorgfaltsanforderungen bestehen wie bei lebenden Menschen« (AWMF-Leitlinien-Register Nr. 054/002, S. 2). Prof. Dr. Duttge problematisiert in seinem Beitrag auf Seite 6 Fehlleistungen im Zusammenhang der Feststellung des Todes und der damit verbundenen Leichenschau.

Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Rostock hat 10.000 Todesbescheinigungen überprüft: 98 Prozent hatten Mängel, lediglich 223 waren fehlerfrei. Die Gründe werden in dem Artikel auf Seite 12 dargestellt.

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, der am 24.2.2022 begann, muss auf verschiedenen Ebenen analysiert werden. Eine Analyseebene sind Folgen dieses Krieges Russlands gegen die Ukraine für Deutschland und Europa. Ein historisches Ausmaß an Flucht seit dem Ende des zweiten Weltkrieges, russische Cyberattacken und Desinformationskampagnen des Systems Putin gegen Staaten der westlichen Welt, energiepolitische Folgen, die Überschneidung von Äußerer und Innerer Sicherheit gehören zu den Folgen dieses Krieges, die es zu analysieren und auch vorherzusagen gilt. Prof. Dr. Goertz beschreibt detailreich die Folgen des Krieges für Europa und Deutschland in seinem Artikel auf Seite 13.

Linksextremisten benötigen die öffentliche Aufmerksamkeit zur Verbreitung ihrer Ideologie. Gewaltorientierte Linksextremisten brauchen zudem eine Plattform, um Straf- und Gewalttaten öffentlich vermitteln und ihren Forderungen Nachdruck verleihen zu können. Nach dem Verbot von „linksunten.indymedia„ im August 2017 hat sich die Internetplattform „de.indymedia„ zum wichtigsten Informations- und Propagandamedium für die linksextremistische Szene im deutschsprachigen Raum entwickelt.
„Die Ohnmacht gegenüber Staat und Wirtschaft kann nur durch eigenes Handeln überwunden werden. Und ein Stein trifft die herrschende Ordnung besser als jeder Wahlzettel.„ (de.indymedia.org, 26.5.2019). Prof. Dr. Stefan Goertz stellt die Themen dieser Plattform auf Seite 18 vor.

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