Liebe Leserinnen und Leser,

Die vergleichende Untersuchung von Handschriften - nicht zu verwechseln mit Grafologie (charakterologische Schriftdeutung) – zählt, neben Daktyloskopie, DNA-Analyse und Phonetik, zu den wenigen Methoden, anhand derer eine Personenidentifizierung möglich ist. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Methoden werden im Wesentlichen zwei Fragestellungen geprüft: Ist eine fragliche Unterschrift echt oder gefälscht? Stammt eine fragliche Schreibleistung von einer bestimmten Person oder kann diese von der Urheberschaft ausgeschlossen werden?

Untersuchungsgegenstand kann jedes handschriftliche Erzeugnis werden. Die Palette ist bunt und reicht von Verträgen, Bestellscheinen, Quittungen, Kreditkartenbelegen, Testamenten, Abschiedsbriefen, Beleidigungs-, Droh- und Erpresserschreiben bis hin zu Sprühschriften und Graffiti.

Die Methode der Schriftvergleichung beruht auf der Annahme, dass jeder schreibkundige Mensch eine mehr oder weniger individuell geprägte und für ihn typische Handschrift besitzt. Diese unterliegt zwar gewissen Schwankungen, ist aber dennoch in hohem Maße stabil. Dadurch bleibt das schreiberspezifische Grundgefüge in der Regel auch bei ungewöhnlichen Entstehungsbedingungen erhalten.

Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die den Schreibvorgang beeinflussen können und bei der Bewertung des Befundbildes berücksichtigt werden müssen. Dazu zählen: altersbedingte Schriftentwicklung oder Schriftabbau, Angleichung an die Umwelt (z.B. Familienähnlichkeiten), starke körperliche oder seelische Belastungen, Alkohol-, Medikamenten- oder Drogeneinnahme, ungewohnte Schreibsituationen (z.B. Schreiben im Stehen, im Bett, im Zug o.ä.), fehlende oder beeinträchtigte visuelle Kontrolle (z.B. Schreiben ohne Brille, im Dunkeln, Blindheit), Behinderung des Schreibarms (z.B. Verletzungen, Gips), Krankheiten, die die Graphomotorik beeinträchtigen (z.B. Gehirnverletzungen), Verstellung, Nachahmung.

Die Handschriftenvergleichung wird wie nur wenig andere innerhalb der kriminaltechnischen Disziplinen kritisch begleitet. Der weit reichende Mangel an konkret quantifizierbaren Befunden zeigt ein hohes Maß an subjektivem Anteil im Begutachtungsprozess auf. Auch die in neuerer Zeit, vordringlich im amerikanischen Raum, geäußerten Zweifel an der Wissenschaftlichkeit und damit auch gerichtlichen Zulässigkeit des Sachverständigenbeweises haben die Diskussionen erneut aufflackern lassen. Ein im Sinne der Wissenschaft methodisches Vorgehen und die daraus folgende Ableitung der Rückschlüsse sind unabdingbare Voraussetzung der Akzeptanz einer jeden kriminaltechnischen Disziplin. Schließlich ist auch im Hinblick auf sich abzeichnende qualitätssichernde Maß-nahmen, die der Kriminaltechnik hohe Standards abverlangen, ein noch differenzierteres wissenschaftliches Vorgehen mit rückführbaren Sachverständigenaussagen unverzichtbar.

Unter Wissenschaftlern besteht Einmütigkeit darüber, dass die Schlussfolgerun-gen in Schriftgutachten zur Schreiberidentität keine kategorischen, absolut sicheren Feststellungen sein können, sondern Wahrscheinlichkeitsaussagen sein müssen. Inwieweit in anderen Disziplinen oder auch ansonsten innerhalb der Schriftvergleichung eindeutige Bestimmungen möglich sind, soll hier nicht diskutiert werden. Der Grund für die Notwendigkeit von Wahrscheinlichkeitsaussagen ist darin zusehen, dass Schriftuntersuchungen im Rahmen einer empirischen Wissenschaft stattfinden. Schriftmerkmalsbesonderheiten treten nicht mit Sicherheit auf, sondern sie sind statistische Ereignisse. Schriftmerkmale zeigen sowohl interindividuelle als auch intraindividuelle Variabilität. Die Möglichkeit, eine Person mit einem bestimmten Wahrscheinlichkeitsgrad als Schreiber einer bestimmten Schreibleistung zu identifizieren, beruht auf der relativen intraindividuellen Konstanz verbunden mit der relativen interindividuellen Seltenheit von Merkmalen. In dieser statistischen Natur der Schriftmerkmale ist der objektive Grund für die Notwendigkeit von Wahrscheinlichkeitsaussagen zu sehen. Ein zusätzlicher subjektiver Grund für die Notwendigkeit von Wahrscheinlichkeitsaussagen ist die Ungenauigkeit und Unvollkommenheit des menschlichen Urteilsvermögens. Da der Sachverständige um sie weiß, sind die Irrtumsmöglichkeit und die daraus hervorgehende Fehleranfälligkeit in den Sicherheitsgrad der Schlussfolgerung einzubeziehen. Die Schlussfolgerung des Sachverständigen kann demnach nur eine sachverständige Meinungsäußerung darstellen, welche die statistische Natur der Schriftmerkmale und die eigene menschliche Unvollkommenheit einzubeziehen versucht.

Frau Dr. Angelika Seibt gibt in Ihrem Beitrag auf Seite 7 einen Überblick über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der forensischen Schriftvergleichung.

Die Handschrift eines Menschen kann für sein berufliches oder privates Fortkommen bestimmend sein. Unternehmen lassen oft handschriftliche Lebensläufe von Grafologen beurteilen.

Charakter, Gefühle, Niveau, Reifegrad, Temperament, Kommunikations-, Team- und Führungsfähigkeit, Konfliktbereitschaft und andere Wesenszüge eines Menschen soll man aus seiner Handschrift herauslesen können, behaupten Grafologen. Ebenso, ob der Schreiber kraftvoll, temperamentvoll, sprunghaft oder phlegmatisch ist, ob es sich um einen entschlossenen oder willensschwachen, unsteten oder leicht verführbaren Menschen handelt. Details zum Wesen der Handschrift erläutert Dr. Brandner auf Seite 18.

Von wem stammt eine Handschrift, eine Unterschrift? Die Bearbeitung dieser Fragestellung ist Aufgabe der forensischen Handschriftuntersucher im Bundeskriminalamt in Wien. Die Unterschrift bzw. Handschrift jedes Menschen trägt viele individuelle Züge, die sie fast immer eindeutig dem Verfasser zuordnen lassen. Anders als Mikrospuren, die durch Kontamination auf ein Beweismittel gelangen können, stammt ein Schriftzug oder ein handschriftlicher Text immer von einem Menschen, der diese Schrift zu Papier gebracht hat. Eberhard Kern gibt auf Seite 16 einen Überblick darüber, welche Grundvoraussetzungen zur Identifizierung einer Handschrift gegeben sein müssen.

Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik hat eine neue Polizei-Werbekampagne angekündigt. „Die neue Kampagne setzt auch auf Werte wie Akzeptanz, Respekt, Gleichberechtigung, Teamarbeit und Vielfalt.„ Weitere Einzelheiten dieser Nachwuchswerbung und was Bruce Willis hiermit zu tun hat, finden Sie in dem Beitrag von Andreas Rabenstein auf Seite 40.

Die Stimmung auf Demonstrationen kann aggressiv sein. Immer wieder werden Medienvertreter zum Ziel von Angriffen und Behinderungen. Nicht nur durch Demonstranten. Polizisten stehen bei solchen Einsätzen unter Druck. Was wäre aus der Sicht von Beteiligten zu tun? Anna Ringle und Martina Herzog lassen Polizei und Journalisten auf Seite 38 zu Wort kommen, um zukünftige Konfrontationen zwischen beiden Lagern nach Möglichkeit zu vermeiden.

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Behördenmagazin 1-2021 [19.966 KB]