Liebe Leserinnen und Leser,

Der englische Begriff „Profiler„ ist zwar auch in Deutschland weit verbreitet; inhaltlich zutreffender ist jedoch der Begriff „Fallanalytiker„, da eine Profilerstellung ohne die zuvor durchgeführte Fallanalyse mit ihrem zentralen analytischen Prozess der Tatrekonstruktion unseriös wäre und sich die Analyse immer auf den gesamten Fall und eben nicht nur auf die vermuteten Persönlichkeitsmerkmale des unbekannten Täters bezieht. Wenn Polizeiliche Fallanalytiker in einem ungelösten Kriminalfall hinzugezogen werden, erregt dies nach wie vor jedes Mal große mediale Aufmerksamkeit. Auch mehr als zwanzig Jahre nach der offiziellen Einrichtung der Operativen Fallanalyse (OFA)-Einheit beim Bundeskriminalamt (BKA) und der sich anschließenden sukzessiven Umsetzung auf Bundesländerebene ist insbesondere das öffentliche Interesse an der Arbeit dieser polizeilichen Spezialisten ungebrochen. Einhergehend mit diesem Interesse wird oftmals erwartet, dass die Polizei im Kampf gegen das Böse nun eine ihrer Wunderwaffen zum Einsatz bringt, die endlich für die langersehnte Aufklärung des bislang ungelösten Verbrechens sorgt.

Da unter (Operativer) Fallanalyse und Täterprofilerstellung unterschiedliche Tätigkeiten zu verstehen sind, wird dies in Deutschland folgerichtig anhand einer begrifflichen Differenzierung dokumentiert. Dieser bestehende funktionale Unterschied lässt sich darüber hinaus anhand der Herkunft der Worte verdeutlichen, wenn man die medial synonym verwendeten Bezeichnungen „Profiling„ und „Operative Fallanalyse„ zugrunde legt.

Eine Fallanalyse unternimmt den Versuch, über die Rekonstruktion und Interpretation eines Verbrechens – insbesondere aber über die Rekonstruktion und Interpretation des Verhaltens eines meist unbekannten Täters – Hypothesen über Hintergründe der Tat aufzustellen, mit dem Ziel, polizeitaktisch relevante Informationen zu produzieren. Grundlage jeder Fallanalyse bildet die vorhandene objektive Spurenlage eines Falls, wie sie sich etwa am Fundort einer Leiche oder in Form eines Erpresserschreibens darbietet. Auf dieser Basis wird das Verhalten des Täters während der Tat rekonstruiert, in aller Regel in chronologischer Reihenfolge des Tatgeschehens. Polizeitaktisch relevante Informationen, die schließlich das Ergebnis einer Fallanalyse bilden, können beispielsweise Prognosen über die Gefährlichkeit eines Täters betreffen, Vernehmungsstrategien für Verdächtige oder in ein umfassendes Persönlichkeitsbild des Gesuchten münden, also in ein so genanntes Täterprofil. Synonym zum Begriff Fallanalyse wird gelegentlich auch der Ausdruck Verbrechensanalyse verwendet.

Ein Täterprofil stellt eine umfangreiche Beschreibung eines noch nicht identifizierten Verbrechers dar, die aus der Rekonstruktion und Interpretation seines Verhaltens abgeleitet ist. Dabei sind vor allem solche Informationen über den Täter von Interesse, die möglicherweise hilfreich für die Ermittlungsarbeit sein können. Üblicherweise enthält ein Täterprofil Angaben über Geschlecht, Alter, Familienstand, Wohnort, Ausbildung und Beruf, mögliche Vorstrafen, Persönlichkeitsstruktur, Erscheinungsbild und eventuell über das prä- und postdeliktische Verhalten des Täters. Im angloamerikanischen Sprachraum wird die Täterprofilerstellung als „Offender-Profiling„ oder kurz „Profiling„ bezeichnet. Außerdem finden in Deutschland gelegentlich die Begriffe „Verhaltens-Fingerabdruck„, „Täterbild„, „Tätertyp-Rekonstruktion„ und „Versionsbildung„ Verwendung. Die Täterprofilerstellung gilt als Folgeprodukt der Fallanalyse. Beide Bezeichnungen werden häufig auch synonym verwendet.

Tötungsdelikte stellen für Kriminalisten eine besondere Herausforderung dar, weil der Tatablauf in der Regel unklar und die Informationslage eingeschränkt ist. Stellt sich das Tötungsdelikt als Beziehungsdelikt im vorgenannten sozialen Nahraum dar, ist kriminalistisches Wissen gefordert, um Ablauf und Hintergründe des Tatgeschehens aufzuhellen und gerichtsfest darzustellen. Schwieriger wird das, wenn ein Bezug zwischen Täter und Opfer nicht erkennbar wird, der Tatablauf unklar ist und das Tatmotiv nicht auf der Hand liegt. Je seltener ein Deliktsphänomen auftritt, je bizarrer sich Tathandlungen oder Verletzungsmuster darstellen, je komplexer der Tatort, umso schwieriger wird es für den Kriminalisten, das Geschehen zu bewerten, die richtigen Schlüsse zu ziehen oder eine Ermittlungsrichtung zu finden. In seinem Beitrag auf Seite 7 stellt Heinz Erpenbach die Arbeit der Fallanalytiker anhand eines konkreten Tötungsdeliktes vor.

Was haben Serienmörder gemeinsam? Was motiviert sie? Und gibt es Frühwarnsignale, um sie zu erkennen? Kann man aus der Vergangenheit einer Person Rückschlüsse auf die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Taten ableiten? Mark T. Hofmann wagt in seiner Arbeit auf Seite 12 den Versuch, über Predictive Policing Frühwarnsignale rechtzeitig zu erkennen, um spätere schwerere Straftaten zu verhindern.

Er bekommt Tipps zu Verbrechen und warnt die Bevölkerung vor Gefahr - seit fünf Jahren tummelt sich ein Polizist aus Ostfriesland in den sozialen Medien. Der 61-Jährige ist ein Pionier. Als erster Polizist hat sich Johannes Lind auf Twitter, Facebook und später Instagram vorgewagt, um von seinem Arbeitsalltag zu berichten. «Ich möchte, dass die 220 000 Bürgerinnen und Bürger möglichst viel wissen von der Polizei und möglichst viele persönliche Kontakte haben zu Beamten und auch zu mir», sagt der 61 Jahre alte Leiter der Inspektion Leer/Emden nach rund fünf Jahren und Tausenden Posts und Tweets. Etwa zehn Beiträge pro Tag setze er im Schnitt ab, darunter vor allem Videos. Linda Vogt stellt in einem Interview auf Seite 44 den Polizeibeamten aus Niedersachsen vor.

In der Rhein-Neckar-Region geht die Angst vor einem «Pferderipper» um - seit Wochen werden dort Stuten und Fohlen verletzt. Es sind keine Einzelfälle. Was treibt solche Täter an? Die Szenen sind auf einer Wärmebildkamera des Sicherheitsdienstes zu erkennen: Ein Mann läuft mitten in der Nacht über das Gelände eines Reiterhofs. Er hat keine Kleidung an, trägt nur Gummistiefel und führt einen längeren Gegenstand mit sich. Dann verschwindet er. Die Polizei sucht ihn Mitte August in Heddesheim (Rhein-Neckar-Kreis) mit einem Hubschrauber - erfolglos. War es der unbekannte Täter, der in der Gegend Pferde schwer verletzt? Weitere Details finden Sie in dem Beitrag von Felix Schröder auf Seite 40.

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Behördenmagazin 3-2020 [23.588 KB]