Liebe Leserinnen und Leser,

Notfallseelsorge in Deutschland präsentiert sich heute als gut organisiertes, flächendeckendes System, das Menschen in seelischen Notlagen professionelle Begleitung und Betreuung anbietet.

Wer heute notfallseelsorglichen Beistand sucht, kann diesen direkt über die Notfallzentralen anfordern. Dort sind entsprechende Rufbereitschaften fest installiert, die für schnelle und unkomplizierte Hilfe Sorge tragen.

Ganz einheitlich präsentiert sich das System allerdings noch nicht: Die Rufbereitschaften tragen je nach Träger, Organisationsform und Herkunft unterschiedliche Namen. So wie die Namen können auch die Strukturen variieren. Einige Rufbereitschaften sind zudem nicht-christlich organisiert, dennoch arbeiten hier oft auch Geistliche als Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger mit.

Die Notfallseelsorge in Deutschland umfasst drei voneinander getrennte Dienste, die eigenständig handeln. Diese Aufteilung hat zwei wesentliche Gründe. Zum einen können so einfacher und effizienter Qualitätsstandards sichergestellt werden. Zum anderen vereinfacht dies die Zusammenarbeit und Grundorganisation mit ebenfalls im Bereich Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) tätigen Institutionen. Die drei Dienste sind:

Notfallseelsorge Darunter versteht man die seelsorgliche Begleitung von Betroffenen in der Akutphase nach einem tragischen Ereignis.

Feuerwehrseelsorge Dies ist ein seelsorgliches Angebot für Einsatzkräfte der Feuerwehren. Es bezieht sich sowohl auf deren Alltagsleben als auch auf die Begleitung im Dienst. Für diese Aufgabe werden im Einvernehmen von Kirchen und Feuerwehren geeignete Personen berufen.

Einsatznachsorge Aufgrund ihrer Erfahrung in der Notfallseelsorge und zusätzlicher Qualifikationen können Seelsorgerinnen und Seelsorger auch im Bereich Einsatznachsorge für andere Organisationen wie Hilfsorganisationen oder Feuerwehren tätig werden.

Wie andere Institutionen, Organisationen und Vereine im sozialen Sektor, arbeitet auch die Notfallseelsorge zunehmend mit qualifizierten Ehrenamtlichen. Es handelt sich bei diesen Mitarbeitenden um hoch qualifizierte Personen, die in der Regel – beruflich oder ehrenamtlich – in angrenzenden Bereichen gearbeitet haben. Als Eingangsvoraussetzung für eine Ausbildung in der Notfallseelsorge kommen unter anderem Erfahrungen oder Vorwissen in Psychologie, Medizin, Polizei, Beratungsstellen, Telefonseelsorge oder Hospiz in Frage.

Mitarbeitende der Notfallseelsorge werden bei plötzlichen Todesfällen im häuslichen Bereich, beim Überbringen von Todesnachrichten (gemeinsam mit der Polizei), bei Tod und schweren Verletzungen von Kindern, bei Unfällen, Bränden, bei Suizid oder Gewaltverbrechen gerufen, um Betroffene zu begleiten. Sie werden von den Leitstellen von Feuerwehr und Polizei an die Einsatzorte alarmiert.

Sie bemühen sich in den ersten Stunden nach dem Ereignis um Augenzeugen, Opfer, Opferangehörige, Vermissende, Hinterbliebene und Verursacher. Sie werden von Rettungskräften (meist NotärztInnen) an die Einsatzorte gerufen, um bei akuten Trauer‐ und Belastungsreaktionen Betroffene zu begleiten, zu stabilisieren und erste Hilfen zu vermitteln, bis andere Unterstützung (Familie, Freunde, Nachbarn, Religiöse Gemeinschaft, Medizinischpsychologische Hilfe etc.) vorhanden ist.

Mitarbeitende der Notfallseelsorge werden durch die christlichen Kirchen in Deutschland für ihren Dienst beauftragt. Sie sind entweder Pfarrerinnen oder Pfarrer der christlichen Kirchen oder eigens für diesen Dienst ausgebildete ehrenamtlich Mitarbeitende. Ziel ist es, durch eine schnelle Intervention eine Stabilisierung und emotional und seelisch entlastende Begleitung von Betroffenen bei und unmittelbar nach Unglücksfällen und Katastrophen zu ermöglichen und so einer möglichen seelischen Traumatisierung durch belastende Ereignisse und Verlusterfahrungen vorzubeugen. So arbeitet die Notfallseelsorge einerseits nach den Standards der weltweit anerkannten Krisenintervention. In seinem Beitrag auf Seite 8 gibt Landespfarrer Dr. Uwe Riske einen Einblick in das Selbstverständnis, in die Geschichte und das Arbeitsfeld der Notfallseelsorge.

Dass nicht nur direkt oder indirekt von einem Notfallereignis betroffene Menschen, sondern auch Einsatzkräfte wie Polizeibeamte, Rettungsdienstmitarbeiter und Feuerwehrleute gelegentlich selbst Hilfe benötigen, wurde früher kaum wahrgenommen. In der Öffentlichkeit galten professionelle Helfer – vergleichbar mit Soldaten – als „harte Kerle„, die offenbar besonders „stark„, „cool„ und „abgebrüht„ sein mussten, um den Anforderungen ihres Arbeitsalltags überhaupt gerecht werden zu können.

Eine offene Auseinandersetzung mit psychisch belastenden Einsatzsituationen war bis vor wenigen Jahren nahezu ausgeschlossen. Über Belastungen und Belastungsfolgen wurde in der Regel nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Wer eingestehen wollte, bestimmte Einsatzerfahrungen nicht einfach „wegstecken„ zu können, hätte dadurch Schwäche gezeigt und sich der Gefahr ausgesetzt, fortan als „Weichei„ zu gelten. Ein derartiges Eingeständnis wäre auch im Kollegen- oder Kameradenkreis zweifellos mit einem Stigma verbunden gewesen: „Schaut nur her: Das ist derjenige, der eben nicht hart genug ist für den Job!„

In den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelten Mitchell und Everly das Critical Incident Stress Management (CISM). Einsatzkräften sollte damit geholfen werden, psychisch besonders belastende Ereignisse besser zu bewältigen. In den vergangenen Jahren ist über das CISM-Konzept jedoch kontrovers diskutiert worden. Insbesondere ein einzelnes Element des CISM – die Durchführung von moderierten und strukturierten Gruppengesprächen – wird heftig kritisiert. Solche Debriefings, so der Vorwurf, sollen nicht nur nicht helfen, sondern möglicherweise sogar schaden. Nachfolgend werden die Argumente für und gegen Debriefings zusammenfassend dargestellt. Weitere Einzelheiten über das Für und Wider stellt Prof. Dr. Harald Karutz in seinem Beitrag auf Seite 12 dar.

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